Was versteht man unter mentaler Übung?
Die übliche Vorgehensweise beim Üben am Klavier ist das unbedachte Üben. Man setzt sich an das Klavier und spielt das zu übende Stück ohne irgendwelche Überlegung. Dabei ist die Methodik entscheidend, nämlich wie man übt. Es gibt zahlreiche Methoden, wie man an das Üben rangehen kann. Eine davon ist das mentale Üben.
Beim Klavier spielen ist nicht nur das Tasten-, Bewegungs- und Bildgedächtnis gefragt, sondern auch das musikalische Gedächtnis, was im Grunde genommen die wichtigste Rolle spielt. Das musikalische Gedächtnis ermöglicht uns, sich an eine Melodie zu erinnern, sodass wir sie in stillen Gedanken abrufen können. Das einfachste Beispiel wäre, wenn man sich innerlich die Melodie von „Alle meine Entchen“ abruft. Das musikalische Gedächtnis ermöglicht uns jedoch auch, ein komplettes Klavierstück abzurufen, sodass wir überhaupt erstmal gar kein Instrument brauchen, um Musik zu hören.
Das zu übende Stück kann also ohne Instrument geübt werden. Wenn man das Stück bereits kennt, ist es umso leichter es mental zu üben. Mentales Üben fordert eine große Konzentration, sodass man bereits nach einigen Minuten überfordert sein kann. Nach mehrmaligem Üben fällt es dann jedoch nicht mehr so schwer.
Wie geht man am besten vor?
Eine Anleitung zu schreiben wäre nicht sehr sinnvoll, weil man das mentale Üben auf unterschiedlichste Art vollziehen kann. Allerdings werde ich ein paar Beispiele aufführen, um zu verdeutlichen, wie man anfangen könnte.
Wenn man das Stück bereits auswendig gelernt hat, kann man sozusagen eine Art von Meditation machen. Dabei setzt man sich gemütlich und entspannt hin und fängt an, das Stück gedanklich zu spielen. Dabei sollte man jedoch einige Dinge beachten.
Dieser gedankliche Ablauf darf bloß nicht automatisch ablaufen, sondern bewusst. Es darf nicht zur Routine werden. Es ist so ähnlich, als ob mein ein Gedicht aufsagen würde und auch ein Gedicht darf nicht nebenher und ohne Betonung gesprochen werden.
Wenn man an einer Stelle nicht weiter weiß, kann man in die Noten schauen oder sich diese Stelle am Klavier vorspielen. Es ist von Vorteil, wenn man wieder ein paar Takte im Stück zurückdenkt und diese Stelle dann anknüpft.
Wenn man sich die Musik gedanklich vorstellt, sollte sie mit Emotion und Leben gefüllt werden, sie darf bloß nicht trocken und unwichtig sein. Denn man kann völlig gleichgültig denken oder mit einer Absicht. Man muss also auch musikalischen Ausdruck in diesen inneren Monolog einbauen.
Ist man an einer Stelle nicht damit zufrieden, wie man sich das Stück gedacht hat, übt man nur diese eine Stelle. Es ist genauso, als wenn man es am Klavier spielen würde und es klappt nicht, wie man es will. Genauso kann man sich diese Stelle besonders anschauen und sich fragen, warum es nicht geklappt hat, wie man es wollte.
Das mentale Üben ist auch von Vorteil, wenn man ein neues Stück zu üben anfängt. Wenn man zunächst überhaupt keine Vorstellung von dem Stück hat, dann macht es auch nicht viel Sinn es am Klavier zu üben. Wie man das am besten macht, sei an einem Notenbeispiel erläutert.
Beispiel

Rachmaninov Moment Musiceaux No. 4
Als Beispiel habe ich das „Moment Musiceaux No. 4“ von Rachmaninoff ausgewählt. Man kann mentales Üben auch dazu einsetzen, um vom Notenbild zur einer musikalischen Vorstellung zu kommen. Für jemanden, der sich kaum mit Musik beschäftigt hat, ist davon jedoch abzuraten, weil es viel zu schwierig ist.
Das Notenbeispiel ist in der Tonart e-Moll, es ist im 4/4 Takt und fängt mit Sechstolen in der linken Hand an. Bereits hier kann man das Stück ohne eine musikalische Vorstellung nicht spielen. Wenn man sich die Betonung jeder neuen Sechstolen-Reihe auf die eins nicht vorstellt, gerät der Rhythmus aus den Fugen.
Man kann diese Sechstolen sich am besten verinnerlichen, indem man sie im langsamen Tempo singt. Da wir hier nicht sehr einfach zu singende Noten haben, kann man sich das Klavier zur Hilfe nehmen. Man beachte die Intervallabstände: Reine Quint, kleine Sext, usw… Auch diese Intervallspannungen muss man so singen, dass sie nicht wie mit Metronom gespielt, sondern musikalisch klingen.
Der Rhythmus ist 1-2-3-4-5-6, Betonung liegt auf der eins. Wie man die eins betont, bleibt jedem selbst überlassen. Man kann es durch eine Verlängerung der Note erreichen, einer Verzögerung kurz vor der Note oder durch Dynamik. Auch das kommt in die innere Vorstellung hinein. Allein für diese Figur im ersten Takt braucht man einen sehr großen Zeitaufwand, aber es lohnt sich.
Am Ende des zweiten Taktes fängt die Melodie an. Auch diese kann man singen, um sich die Melodie zu verinnerlichen. Wir stehen jedoch jetzt vor dem Problem, dass wir uns Melodie und die Figur in der linken Hand gleichzeitig vorstellen. Aber auch das ist möglich, jedoch durch sehr viel Übung. Bei der Musik von Bach ist es geradezu gefragt, polyphon zu denken.
Ich bin der Ansicht, dass man ein Stück erst dann musikalisch vortragen kann, wenn man eine musikalische Vorstellung (man könnte es auch Meinung nennen) von dem Stück hat. Denn die musikalische Vorstellung wird beim Üben viel zu sehr vernachlässigt, ist jedoch unerlässlich, um überhaupt erst zu musizieren.
11.08.2009