Hector Berlioz (1803 – 1869)
Er war der bedeutenste Komponist der französischen Romantik – ein Neuerer am Beginn einer Epoche, in der die Innovation als musikalisches Qualitätsmerkmal in die Musikgeschichte eintritt. Sein berühmtestes Werk trägt aus guten Gründen das Fantastische im Titel. Realistisch hingegen verlief sein Leben.
Der in La Côte-St-André (Isère) geborene und früh an Musik und Literatur interessierte Arztsohn wurde 1821 nach Paris geschickt, um Medizin zu studieren. Doch wechselte er gegen den Willen seiner Eltern von der Universität an das Conservatoire, fiel dort bereits durch frühe Kompositionen auf und und gewann 1830 beim dritten Versuch den begehrten Rompreis. Aus der Auseinandersetzung mit Goethes Dichtung entstanden die “Huit scènes de Faust” als op. 1. Im gleichen Jahr konnte er seine Symphonie fantastique, in der er eigene unglückliche Liebeserlebnisse verarbeitete und bisher ungehörte Klangfarben hören ließ, in Liszts Gegenwart aufführen. Franz Liszt und Niccolò Paganini förderten ihn von nun an. Sein durch den Rompreis ermöglichter Italienaufenthalt bereicherte seinen künstlerischen Horizont und regte seine schriftstellerische Tätigkeit an, die von nun an neben der kompositorischen sein Leben prägen sollte. “Harold en Italie” – eine sinfonische Dichtung, gleichzeitig ein ursprünglich für Paganini gedachtes Bratschenkonzert – entstand 1834, sein monumentales Requiem (“Grande messe des morts”) 1837. 1838 wurde seine Oper “Benvenuto Cellini” erfolglos aufgeführt, 1839 seine Symphonie dramatique “Romeo et Juliette”, eigentlich eine Art von weltlichem Oratorium.
Seine Bemühungen, als Kompositionslehrer an das Conservatoire berufen zu werden, scheiterten – er musste sich 1839 mit einer Anstellung an der Bibliothek des Instituts begnügen. Dabei blieb es bis zu seinem Tod. Allerdings reiste er als erfolgreicher Dirigent ab dem Jahr 1842 nach Deutschland, Österreich, Russland und England. Zu Lebzeiten war er in Frankreich eher als Musikschriftsteller und Dirigent anerkannt. Das Ausland nahm auch seine Rolle als musikalischer Neuerer wohlwollend und sine aufwändigen und groß besetzten Werke mit Neugier, aber auch mit Widerspruch wahr. 1843 veröffentlichte er seine Instrumentationslehre, die Generationen von Komponisten prägen sollte. Nochmals wandte er sich dem Faust-Stoff zu und führte 1846 die dramatische egende “La damnation de Faust” auf. 1854 wurde seine bibliche Trilogie, das Oratorium “L’enfance du Christ” realisiert. Sein wichtigstes Werk für das Musiktheater in zwei Teilen “Les Troyens”, aufgeteilt in “La prise de Troie” und “Les Troyens à Carthage”, entstand in den Jahren nach 1856, die erste Gesamtaufführung gelang erst in seinem Todesjahr. Berlioz starb in Paris, nachdem ihn noch 1867 eine Russlandreise mit der nationalrussischen “Gruppe der Fünf” zusammengebracht hatte.
Berlioz fand außerhalb seiner Heimat mehr Anerkennung als in Frankreich selbst. Mit seinem Leben begann etwas Neues in der Musikgeschichte: Jetzt stritten nicht mehr nur verschiedenen nationale oder stilistische Schulen um den Vorrang, sondern auch Neutöner und Bewahrer, Fantasten und Klassiker, Revolutionäre und Konservative. Die Fronten wurden nicht nur musikalisch, sondern auch literarisch und politisch abgestreckt. Zum Freundeskreis des Komponisten gehörten etwa Victor Hugo, Alexandre Dumas, Honoré des Balzac. Die begleitende Musiktheorie – etwa jene des Wiener Professors Eduard Hanslick – lieferte den Streitparteien theoretische Konzepte. Publizistische Wortmeldungen und poetische Texte begleiteten den musikalischen Streit.
Im französischsprachigen Raum sind es verständlicherweise vor allem die wortgebundenen Werke, die lebendig geblieben sind: die genannten Opern und oratorischen Werke. International sind die sinfonischen Werke weiterhin aktuell. Der große Aufwand an instrumentalen und vokalen Solisten, aber auch die riesigen Chor- und Orchesterbesetzungen machen die Aufführung einiger Werke, etwa des Requiems, kostspielig und daher selten – geben aber andererseits den elektronischen Tonträgern eine zunehmende Bedeutung.
Bedeutenste Werke:
- Symphonie fantastique
- Grande messe des morts
- Les Troyens
Bekannteste Werke:
- der auch von Liszt in der 15. Ungarischen Rhapsodie verwendete Rákóczi-Marsch aus “Fausts Verdammnis”